[Leandriis, die Wölfin] Kapitel 11 - Lauf, lauf so schnell du kannst

Freitag, 20. Februar 2015

Claire“, Pertiz kalte Stimme holte sie aus ihren Gedanken. Pertiz seufzte als er in Claires tiefblauen Augen schaute und die Antwort lesen konnte, die Antwort die er nicht hatte hören wollen. „Die Wolfsjagd ist beendet! Pertiz, diese Kinder sind nicht für die Taten ihrer Eltern verantwortlich. Sieh sie dir an!“, bat Claire und sah ihren Mann eindringlich an. Unwillig wandte sich Pertiz den beiden Feach zu. „Sie sind Kinder, beide bei Menschen aufgewacht, sie wissen doch gar nicht, welche Macht sie haben. Wie könnten sie sein wie … die anderen damals?“ „Und weil sie nicht wissen, welche Macht sie haben, sind sie gefährlicher als all jene damals, Claire. Was, wenn das Monster aus ihnen herausbricht und sie morden ohne es zu wissen. Tiere reißen. Menschen verletzen. Kinder reißen. Nein, Claire, dass lasse ich nicht zu!“ Mit brennenden Hass in den Augen drehte er sich zu Kian und Lea um, bei erstarrt vor den geifernden Hunden viel zu nah vor ihnen. Kian überlegte fieberhaft, aber selbst mit Claire auf ihrer Seite hatten sie keine Chance. Nicht gegen Pertiz und die vier Hunde gleichzeitig. Doch dann passierte etwas seltsames …

Nebel kam auf und hüllte die Lichtung in eine nichts durchdringende Decke. „Schwester“, Hallvor blickte Claire tief in die Augen und lächelte. „Hallvor? Aber, aber wie ist das möglich? Du bist tot!“ Bleich, zitternd und mit Tränen in den Augen starrte Claire ihre Schwester an. „Ich bin nur eine Erinnerung, Schwester, um diesen beiden jungen Hoffnungen zu helfen in ihrer Not. Aber es ist schön dich zu sehen, du bist so erwachsen geworden, so wunderhübsch. Nur leider kann ich nicht länger bleiben. Schwester, besinn dich. Lebe deine Träume.“ Damit verschwand Hallvor und nur eine neblige Wolke blieb zurück, die sich um die vier Höllenhunde sammelte und sie scheinbar hypnotisierte. Wollig brummend schlossen diese ihre Augen, streckten sich auf dem weichen Moosboden aus und träumten mit zuckenden Ohren vor sich hin. In dem Moment kam Pertiz wieder zu sich. „Was zum Teufel geht hier vor? Ihr seid doch alle verflucht!“ Keine Sekunde später schrie Claire den Feach zu, dass sie rennen sollten, so schnell sie nur konnten und Kian zögerte keinen Bruchteil, fasste nach Leas Hand und rannte los, das Mädchen hinter sich her ziehend. Lea, die einen Moment länger als Kian zu Claire blickte, sah, wie diese sich zu verändern schien. Ihre Nase wurde spitzer, ihre Zähne länger, pelzige Ohren stoben aus ihren Haaren. Mit Entsetzen verfolgte sie diese Verwandlung, als Kians Hand sie unsanft weg zog und sie den Blickkontakt verlor. Das letzte was die beiden auf ihrer halsbrecherischen Flucht hörten war das schreckliche Geräusch von zerreißenden Stoff und knackenden Knochen.
Lange Zeit liefen sie einfach weiter. Seite an Seite. Meile für Meile. Ein Schritt nach dem anderen. Schweigend. Irgendwann, es mussten bereits Stunden vergangen sein, verlangsamten beide wie auf Befehl gleichzeitig ihren Schritt und blieben schließlich stehen. Sie hatten den Waldrand erreicht und standen nur an den Ausläufen riesiger, weiter Felder voller gelb blühender Blumen. „Lea“, Kian wandte sich an seine Freundin und erstarrte. Lea stand zitternd neben ihm, sie hatten den Kopf so gesenkt, dass ihre langen braunen Haaren ihr Gesicht bedeckten und trotzdem konnte Kian die Tränen sehen, die ihr die Wangen herunter liefen. „Lea, hey“, sanft nahm er sie in den Armen und strich über ihren Rücken. Lange hielt er sie so fest, während sie ihrer Verzweiflung freien Lauf ließ. Es dauerte lange bis ihr Atem sich beruhigte und ihre grünen Augen nicht mehr feucht glänzten und doch, Kian genoss es ihren Körper so nah an sich zu haben. Den Duft ihrer Haare einzuatmen, diesen tollen Geruch nach Tannennadeln. Gleichzeitig schämte er sich, ihre Trauer dermaßen aus zu nutzen, doch kaum etwas mehr als Lea wünschte er sich. Als sie sich schließlich sanft aus seiner Umarmung löste, konnte er ein kleines unwilliges Stöhnen nicht unterdrücken. Dann jedoch schaute sie ihn an und dieser Blick aus moosgrünen Augen fraß sich tief in sein Herz und ließ es so schnell schlagen, dass er dachte, es würde ihn jeden Moment aus der Brust springen. Lea, schwor er in Gedanken, ich werde dich mit meinem Leben beschützen, denn du bist mein Paradies.
Nach einer kurzen Rast liefen sie weiter. Sie wollten diese unendlichen Felder so schnell wie möglich hinter sich lassen, denn sie boten kaum Schutz. Keiner von beiden wollte darüber nachdenken, was mit Pertiz geschehen war, doch die nervenzerfetzenden Laute bei ihrer Flucht hatte keiner vergessen. Allerdings konnten sie immer noch nicht wissen, ob er oder anderen ihnen vielleicht doch noch folgen würde, oder ob Claire ihre Meinung wieder geändert hatte und ihnen die Schuld an Pertiz Tod gab. Kian und Lea waren sich nur eins gewiss: Nichts schien in ihrem Leben mehr sicher zu sein. Bei Einbruch der Dunkelheit rasteten sie unter einem ausladendem Apfelbaum, der sich irgendwie sein Territorium mitten in den Feldern erkämpft und verteidigt hatte. Vollkommen erschöpft pflückten sie ein paar der roten Äpfel und ließen sich auf den steinharten Boden nieder. Noch bevor beide den Kopf auf den Boden sinken ließen, waren sie schon fast tief und fest eingeschlafen und wurden nur noch einmal wach, als ein roter Fellbausch aus hohem Weizen hervor geschossen kam und auf Leas Schoß sprang. „Coa, du feiger Flohball, wo warst du die ganze Zeit?“ Schnurrend rieb die Katze ihren Kopf an Leas Schulter und rollte sich zu einem Ball zusammen ohne Lea oder Kian noch eines Blickes zu würdigen.

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