[Leandriis, die Wölfin] Kapitel 9 - Der Anfang einer Reise

Donnerstag, 5. Februar 2015


Kauernd hockte Lea in der windschiefen Kate mitten im Wald und drückte sich so tief in die Schatten, dass kaum mehr etwas von ihr zu sehen war. Wie lange sie hier schon hockte, konnte sie nicht sagen, aber langsam breitete sich eine dumpfe Taubheit in ihren Beinen aus und unbewusst wiegte sie sich sanft hin und her. Draußen rauschten starke Windböen durch das dichte Geäst, und zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen. Seufzend rieb sich Lea über die Unterarme und stand auf. Ihr war kalt, sie war verängstigt und sie hatte keine Ahnung wie es weiter gehen sollte. Innerhalb eines Momentes war ihre Welt wieder einmal zusammen gebrochen! Erst ihre Familie, dann Cassian und nun schon wieder. Wie oft sollte sie das noch ertragen können und müssen? Schmerzhaft zog sich ihr Herz zusammen als sie daran dachte, Rajael verlassen zu müssen und auch Kian, denn sie hatte beschlossen es nicht zu zu lassen, dass er sie begleitete. Sie wollte nicht, dass auch sein Leben zerbrach. Sie wollte, dass er glücklich war und wenn nötig auch ohne sie. Mitten in ihren Überlegungen gefangen, bemerkte sie erst spät, dass sich jemand der Hütte näherte. Erschrocken wich sie wieder in die Schatten zurück und atmete nur noch flach. Ihre Hände hatten sich gekrümmt und glichen nun eher Krallen als menschlichen Fingern.
Schnell“, flüsterte vor der Tür jemand leise und Lea entspannte sich, als sie Rajaels Stimme erkannte. Hastig schoben sich zwei Gestalten durch eine schmale Öffnung und laut miauend raste ein rotes Fellknäuel auf sie zu. „Coa“, erfreut fing Lea ihre Katze im Sprung auf und drückte sich das weiche Fell kurz ins Gesicht, bevor sie die Katze auf ihre linke Schulter setzte.
Wir müssen uns beeilen, die Stadt bereitet sich auf die Wolfsjagd vor, es dauert nicht mehr lange, dann wird es hier vor Jägern und Hunden nur so wimmeln.“ Eisig kalt liefen Schauer Leas Rücken hinunter, sie hatte niemals geglaubt, dass alles solche Ausmaße annehmen würde. Sie war doch nur ein kleines Mädchen, Wolfspelz hin oder her. Doch äußerlich hatte sie sich im Griff und nickte Rajael gefasst zu. „Dann sollte ich aufbrechen. Ich danke die Rajael, für die wunderschöne Zeit bei dir, ich hatte so etwas wie ein Zuhause gefunden und dafür werde ich dich niemals vergessen.“ Die rothaarige junge Frau lächelte und trat auf Lea zu. „Ich liebe dich kleines Mädchen und ich glaube an dich. Du wurdest für diese Aufgabe auserwählt und du wirst sie meistern, ich weiß es tief in meinem Herzen. Du bist stark! Du kannst alles schaffen!“ Sanft hauchte sie Lea einen Kuss auf die Stirn und übergab ihr den Leinensack, welchen sie mitgebracht hatte. „Hier. Ich habe einige nützliche Sachen eingepackt. Essen, Kräuter und ein paar andere Dinge. Ich wünsche euch viel Glück.“ Sie wandte sich Kian zu. „Pass auf dich und auf sie auf, ihr seid von nun an auf euch gestellt. Ich wünsche euch beiden Glück!“ Mit diesen Worten sah sie beide ernst an, drehte sich um und verschwand in der aufgehenden Sonne Richtung Dorf.
Nun dann“, begann Kian, wurde aber sofort von Lea unterbrochen. „Du kommst nicht mit!“ „Was?“, entsetzt starrte der Junge mit den wuscheligen Haaren sie an. „Ich habe eine Entscheidung getroffen und ich werde meine Bürde alleine tragen, sie geht dich nichts an, also solltest du auch dein Leben nicht für mich aufgeben!“ „Lea!“ Er starrte ihr direkt in die Augen. „Es geht mich sehr wohl etwas an! Du bist meine Freundin und außerdem … bin ich auch ein Feach, als ist es mein gutes Recht dich zu begleiten.“ Lea wankte. Ihr Entschluss war so fest gewesen, aber jetzt, sie sehnte sich danach, sein Angebot anzunehmen. Nicht alleine durch die Welt gehen zu müssen. Seine Nähe, seine Sicherheit neben sich zu spüren. Aber, konnte sie so egoistisch sein? Und doch, sie tat dies alles für die Feach und wenn er auch einer war, dann änderte dies ihre Einstellung.
Kian, wenn du dir wirklich sicher bist, dass du dieses Leben aufgeben willst, denn es wird dir nichts anderes übrig bleiben, wenn du mich begleitest, wenn du wirklich ein Ausgestoßener werden willst, der nirgendwo zuhause ist, dann … nehme ich dein Angebot an.“ Kian lächelte. „Ich bin mir dessen bewusst, Rajael hat ich genauso bearbeitet wie du und mein Entschluss wird nicht wanken. Ich werde dich begleiteten, denn alles was ich will, ist an deiner Seite zu sein, egal wo und in welcher Situation.“ Leas grüne Augen begannen zu leuchten und Kian schloss sie sanft in seine Arme, strich mit seinen samtenen Lippen über ihre Stirn und küsste sie sanft, so sanft.
Dann zerriss ein donnernder Schuss die Stille. Rajael, war Leas einziger Gedanke und stürzte zur Tür, doch von der rothaarigen Frau war nichts zu sehen. Ohne nachzudenken wollte sie losstürmen, doch Kian ergriff ihre Arme und hielt sie zurück. „Lass mich los“, verzweifelt kämpfte sie gegen ihn an und zerkratzte ihm dabei die Arme, bis hellrote Bluttropfen hervor quollen. „Du kannst ihr nicht helfen, Lea, sie wollte, dass wir fliehen, mach ihr Opfer nicht umsonst.“ Fest drückte er sie an die Wand und versuchte die schmerzenden Striemen zu ignorieren. Endlich beruhigte sich widerspenstige Mädchen ein wenig, schwer atmend lehnte sie an der Wand und Tränen voller Wut und Verzweiflung rannen ihr makelloses Gesicht herab. „Ich weiß, ich weiß“, wisperte Kian in ihr nach Fichten duftendes Haar. Lea löste sich sanft, aber bestimmt aus seiner Umarmung und schnallte sich den Leinsack, den Rajael mitgebracht hatte, auf den Rücken und trat ins helle Sonnenlicht hinaus. Kian an ihrer Seite. Ihre Reise hatte nun begonnen.


Sie waren nicht weit gekommen, als lautes Hundegebell sie einholte. Gehetzt sahen sie sich an und rannten los, Coa wies ihnen den Weg und ohne nachzudenken folgten beide der roten Katze durch das dichte Geäst. Doch die Meute blieb ihnen auf den Fersen. Männer brüllten. Hunde jaulten. Äste brachen. Und die beiden rannten schneller und schneller. Doch auch ihre Verfolger legten noch an Tempo zu und ließen sich nicht abschütteln, nicht jetzt, wo die Hunde ihre Fährte aufgenommen hatten. Denn die Menschen konnten sie durch ihr Äußeres täuschen, die Hunde nicht, zu offensichtlich war ihr Wolfsgeruch in ihrer menschlichen Natur zu riechen. Ein Ast peitschte Kian schmerzhaft ins Gesicht und hinterließ einen langen blutigen Striemen, jedoch ohne bewusst von ihm wahrgenommen zu werden, er rannte einfach. Schritt für Schritt. Nichts anderes war mehr in seinen Gedanken, nur noch der folgende Schritt nach dem vorigen. Daher bemerkte er es erst Sekundenbruchteile später, dass Lea plötzlich nicht mehr neben ihm war. Verwundert brauchte er nochmals mehrere Sekunden, bis seine Beine ihm gehorchten und er stehen blieb. Mit großen, vor Angst geweiteten Augen sah er sich um, doch er konnte sein Mädchen einfach nicht entdecken. Vorsichtig lief er den Weg, den sie genommen hatten zurück und wusste, dass er so zwangsläufig den Hund in die Quere kam, aber er konnte Lea einfach nicht zurück lassen. Und dann endlich erspähte er sie. Sie lag auf dem holzigen, weichen Boden und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den rechten Knöchel und fluchte leise vor sich hin, was Kian trotz aller Gefahr ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. „Komm, kannst du aufstehen?“ Er griff unter ihre Arme und zog sie hoch, sofort zischte Lea leise vor Schmerz und klammerte sich an ihn um nicht wieder hinzufallen. Indes wurde das jaulende Bellen der Jagdhunde immer lauter. „Verdammt, verdammt, verdammt“, mittlerweile fluchte auch Kian aus vollstem Herzen, denn ihm war nur zu bewusst wie schlecht es für sie beide aussah. Wegrennen konnten sie nicht, verstecken war bei den gut ausgebildeten Tieren vergebens und viel mehr gab es für sie nicht. Sie konnten nur noch ihrem Schicksal entgegen treten und auf ein Wunder hoffen. Doch als der erste riesige blauschwarze Hund aus dem Unterholz brach und sich knurrend vor sie stellte, schwand Kians Hoffnung sofort. Dieses Monster war nicht nachgiebig, dieses Tier würde sie beide zerreißen wie einen altersschwachen Teddybären aus Plüsch. Zitternd schob Kian Lea hinter sich und ließ den Hund nicht aus den Augen. Innerhalb weniger Augenblicke sammelten sich hinter der riesigen Hündin drei weitere, etwas kleinere, aber deswegen nicht weniger imposante Tiere und knurrten geifernd. Die beiden Feach rührten keinen Muskeln, viel zu viel Angst hatte sich in ihre Knochen geschlichen und verhinderten jegliche Bewegung. Glücklicherweise rührte sich auch die vier Köter nicht weiter, doch beruhigen konnte das niemand. „Na wen haben wir denn da?“ Breit grinsend trat Pertiz aus den Schatten des Waldes. Pertiz, der sie damals im Wald gefunden hatte. Pertiz, der sie hasste, warum auch immer. Pertiz, in dessen Augen Mordlust glitzerte. „Die kleine dreckige Hündin und ihr reudiger Köter.“ „Pertiz!“, wütend erklang Claires helle Stimme durch die unheimliche Atmosphäre. „Was?“, entnervt drehte der große, schrottige Mann sich zu seiner kleinen zierlichen Freundin um. „Du wirst ihr nichts tun!“ „Ach, und warum nicht? Du bist doch genauso ein Opfer ihrer Art, warum nimmst du sie plötzlich in Schutz?“ „Du, du weißt es?“, Claire sah ihn verdutzt an und in ihren Augen schimmerten glasklare Tränen. „Natürlich, was dachtest du denn? Ich bin schließlich Wolfsjäger, als würde es mir da entgehen, mit einem Halbblut zusammen zu leben!“ Verächtlich schnaubte er und stieß Claire grob mit der Hand zurück, als die blonde Frau auf ihn zu trat. „Aber um dich kümmere ich mich später, erst sind diese dreckigen Gören dran.“ Er wandte sich wieder ihnen zu. „Denn hier und jetzt endet eure Reise!“

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