[Leandriis, die Wölfin] Kapitel 13 - So bittersüß der Kampf

Donnerstag, 5. März 2015

Die kalten Augen waren grauenhaft aufgerissen, das rechte Ohr fehlte und eine Menge Blut glänzte noch feucht auf dem nackten Oberkörper.
„Na Freunde“, selbst die Stimme klang verzerrt und rau. „P-Pertiz“, stammelte Lea mit entsetztem Blick in den moosgrünen Augen und taumelte zwei kleine Schritte zurück, bevor sie gegen eine feuchtkalte Betonwand stieß.
„Was ist mit Claire geschehen?“ Mutig, obwohl ihm das Herz bis zu den Ohren klopfte, trat Kian vor und stellte sich damit auch zwischen den blutenden rachsüchtigem Mann und Lea.
„Sie hat ihre verdiente Strafe bekommen! Ich hätte sie niemals verschonen dürfen, von Anfang an nicht, aber ich war blind. Blind und so dumm zu glauben, dass sie anders wäre als ihre Vorfahren, doch das war ein Irrtum. Ein dreckiges Wolfsblut bleibt eben immer einer von euch.“ Aus Pertiz sprach tiefster irrationaler Hass. Er glich kaum noch einem Menschen, seine Augen waren eisige Höllen und sein Gesicht war fratzenhaft verzogen. Lea lief es eiskalt den Rücken runter, eine unbekannte Furcht ergriff sie und ließ sie zittern. Unkontrolliert sog sie Sauerstoff in ihre Lungen und unbewusst begann sie sich zu verwandeln. Alle Haare auf ihren Armen stellten sich auf und ein tiefes Grollen kam aus ihrer Kehle. Erschrocken schlug sie ihre Hände vors Gesicht und gewahr ihre Fingernägel, die langsam zu langen Krallen heran wuchsen, gleichzeitig spürte sie wie sich ihr innerstes mehr und mehr dem Wesen eines Wolfes anglich. Dann traf sie eine heftige Ohrfeige ins Gesicht und rief sie zurück in die Realität. Vor ihr stand Kian und sah sie mit einer tiefen Entschuldigung in den Augen an und schüttelte den Kopf. „Nein“, krächzte er heiser. Dann drehte er sich um, sprang und verwandelte sich in einen Wolf. Wunderschönes hellbraunes Fell ergoss sich über seinen gesamten Körper, sein Gesicht verformte sich und eine lange Schnauze wuchs hervor. Seine Hände wandelten sich zu Pfoten und leichtfüßig landete er auf allen Vieren, nur wenige Meter von Pertiz entfernt. Dieser lachte nur und schaurige Wogen des Entsetzens liefen über Leas angespannten Körper, während Kian nur böse knurrte.
„Was kleiner Wolf? Willst du mich damit beeindrucken? Du bist doch noch ein Welpe, nicht mal richtig ausgewachsen und bildest dir ein, mich besiegen zu können? Ach was bist du nur für ein dummer kleiner Junge.“ Und dann fing Pertiz an, sich vollkommen zu verändern.
Riesige Pranken wuchsen aus seinen Händen, scharf blitzende Krallen, ein Raubtiergebiss schob sich aus seinem weit aufgerissenen Mund und braunes Fell spross aus seiner aufplatzenden Haut. Alles dauerte nur wenige Sekunden und vor den beiden Feach stand ein riesiges Ungeheuer, welches einer Mischung aus Wolf und Bär ähnelte.
Pertiz zögerte nicht nach seiner Verwandlung und sprang mit einem wilden animalischen Schrei auf Lea zu, doch mit einem gewaltigen Knurren warf sich Kian dazwischen und die beiden Fellknäuel verhedderten sich ineinander und waren nicht mehr voneinander zu unterschieden. Lea quitschte kurz erschrocken, als beide sich verbissen und schnell das erste Blut aus unzähligen kleinen Wunden floss, doch sie konnte nicht erkennen, wer von beiden stärker verletzt war.
Unmenschliches Gebrüll hallte durch die Stadt, umso lauter wieder gegeben von den zerfallenen Ruinen. Hier und da vibrierte der Boden unheilvoll. Auch in Lea grollte es, aber sie wagte es nicht, sich dazwischen zu werfen, aus Angst vielleicht Kian zu verletzen.
Plötzlich wurde Kian zur Seite geschleudert und blieb reglos auf dem Boden liegen, das schokoladenbraune Fell mit dunkel Blut verkrustet. Seine Brust hob und senkte sich in einem viel zu schnellem Rhythmus und abgehackte, schmerzerfüllte Laute quollen aus seinem Maul.
Lea wollte zu ihm rennen, doch schon schob sie Pertiz zwischen die beiden, das Gesicht zu einer Dämonenfratze verzogen. Vor Schreck stoppte sie mitten im Lauf und sah sich hilfesuchend um, doch um sie herum befand sich … nichts. Kurz überlegte sie, sich zu verwandelt, doch sie wusste, dass ihre Wolfsgestalt ihr nicht helfen würde und sie brauchte einen klaren Kopf um lebend aus dieser Situation zu kommen und vor allem um Kian zu retten. Doch dann hatte sie keine Zeit mehr eine Entscheidung zu treffen. Pertiz machte einen mächtigen Satz, die mit Tatze zum Schlag bereit und Lea reagierte nur noch. Hastig warf sie sich zu Boden, rollte herum, sprang auf und verwandelte sich mitten im Sprung. Pertiz knurrte und sah sich einer kleinen, grazilen Wölfin gegenüber, die ihn aus grünen Augen zornig anfunkelte. Lea wusste, dass sie gegen den Bär keine Chance hatte, aber sie würde keinesfalls kampflos aufgegeben, in ihre steckte eine Kämpferin und das würde Pertiz zu spüren bekommen, doch bevor sie überhaupt dazu kam, den Hünen anzugreifen, warf sich Kian von hinten auf seinen Rücken. Brüllend vor Wut versuchte Pertiz ihn abzuschütteln, doch der Feach hatte sich so sehr verbissen, dass er es nicht schaffte. Ohne zu zögern warf Pertiz sich auf den Rücken und begrub Kian unter den Massen seines Körper. Quickend versuchte der Wolf sich zu befreien, doch seine Kräfte erlahmten zu rasch und sein Gegner war einfach zu schwer. Lea sah das Licht in den Augen ihres Gefährten langsam erlöschen. Sie konnte nichts tun, war wie gelähmt, obwohl alles in ihr danach schrie, ihm zu helfen, doch sie rührte sich nicht von der Stelle und sah nur hilflos zu, gefangen in der Starre ihrer Angst. Kian? Kian! Ihr Kopf drohte vor Schmerz zu explodieren, als sie sah wie eines der Augen von Pertiz in Blut aufspritzte. Brüllend vor Pein richtete er sich auf, Kian rutschte einige Meter über den harten Boden und blieb betäubt liegen. Dann endlich hörte Lea das Krachen und fast zeitgleich riss eine Kugel eine tiefe Wunde in die Brust des Bären, Blut lief sofort in Sturzbächen durch das filzige Fell und strauchelnd fiel er auf die Knie. Ein dritter Schuss hallte durch die Luft und endlich erlosch das Leben in Pertiz, noch bevor sein Körper schwer aufschlug und leicht zuckend liegen blieb, bevor auch dies endete. Mit letzter Kraft lief Lea zu Kian und nahm erleichtert seinen schwachen Atem war, aber auch das Blut und die zahlreichen großen und kleinen Wunden, aus denen leicht das Leben sickerte. Aufschluchzend schmiegte sie sich an seinen Körper und blieb einfach neben ihm liegen, voller Angst um sein Leben, bis auch sie eine leichte, erlösende Dunkelheit umfing.

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