[Leandriis, die Wölfin] Kapitel 14 - Jaqs Geschichte

Mittwoch, 15. April 2015

Das erste was Lea wieder wahrnahm, war der Geruch nach Rauch und das Knistern eines nahen Feuers. Für einen Moment war sie verwirrt. Wo war sie? Was war passiert? Warum ... dann plötzlich fiel ihr alles wieder ein. Pertiz, der Kampf, Kian, der Fremde! Mit einem Satz sprang sie auf die Füße, verhedderte sich dabei in ihrer Decke und fiel unsanft auf ihre Knie. Vor Schmerz biss sie die Zähne zusammen, als ihr die Tränen in die Augen schossen. Ein heiseres raues Lachen lenkte sie jedoch sofort davon ab und ruckartig hob sie den Kopf und sah neben sich am Feuer einen älteren Mann sitzen, der sie belustigt anlächelte.
"Nur ruhig Blut, Mädel. Ich tue dir nichts und deinem Freund geht es soweit ganz gut, es wäre aber schön, wenn du ihn nicht aufwecken und ihn gesund schlafen lassen würdest." Dabei begleitete ihn wieder dieses belustigende Zwickern in den Augen. Langsam ließ sie sich auf ihr Lager zurück gleiten, hielt den seltsamen Mann und die Umgebung dabei aber nicht aus den Augen.
"Hier." Reflexartig fing sie auf, was aus sie zugeflogen kam und war überrascht, als sie aus dem sauberen Leinentuch ein Kantenbrot und etwas Käse wickelte. Wie aufs Stichwort knurrte ihr Magen laut und sie verschlang alles gierig und trank ein wenig kaltes, wenn auch bereits etwas abgestandenes Wasser, aus ihrem Trinkschlauch.
"Danke", flüsterte sie leise. Immer noch nicht ganz beruhigt, aber längst auch nicht mehr in Alarmbereitschaft. "Wer seid ihr?"
"Euer Retter, würde ich meinen. Nun gut, ich werde euch erzählen, wer ich bin, oder besser, wer ich war, aber nicht jetzt. Erst solltet ihr noch ein wenig schlafen und außerdem", mit einem Blick zu Kian: "würde ich ungerne alles zweimal erzählen müssen." Lea wollte widersprechen, aber in dem Augenblick wurde ihre Sicht unscharf und sie fiel in tiefen Schlaf.
Als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlug, fühlte sie sich frisch und ausgeruht. Neben sich nahm sie die beruhigende Wärme von Kian wahr, in dessen Arme sie sich in Laufe der Nacht gekuschelt hatte. Doch zugleich machte sie etwas unsicher. Irgendetwas war nicht so wie es sein sollte. Was machte sie hier? Und warum hatten sie beide geschlafen?
Ein scharrendes Geräusch riss sie aus ihren Überlegungen. Ruckartig riss sie den Kopf hoch und war hellwach. Der Fremde saß an genau der gleichen Stelle wie in der Nacht und schien sich keinen Milimeter bewegt zu haben. Lächelnd sah er sie an, während seine schmutzigen Finger mit den abgebrochenen Nägeln unablässig Coas rotes Fell kraulten. Zu Leas Überraschung schnurrte die sonst so misstrauische Katze behaglich und nahm so auch dem jungen Feachmädchen etwas von ihrer Furcht.
"Weck den Jungen", riet der Fremde ihr und begann in einem großen Kessel über dem Feuer zu rühren und als der betörende Duft von heißer Suppe und frischem Kaninchen an ihre Nase drang, registrierte ihr Körper erst, welchen Hunger er hatte. Mit einem letzten misstrauischen Blick beugte sie sich zu Kian herunter. Gerade als sie ihre Hand ausstrecken wollte, um ihn sanft wachzurütteln, erstarrte sie. Im Traum zuckte er leicht mit der Nase, seufzte sacht und schlief dann weiter. Voller Wärme betrachtete Lea den schlafenden Jungen und ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht und in ihre Augen, aber vor allem in ihr Herz. Ein wohliges Gefühl erfüllte sie und seit langem fühlte sie wieder so etwas wie Glück, ein seltenes Empfinden in ihrem Leben.
Hinter ihr räusperte sich der Wanderer und klapperte mit hölzernen Schalen. Seufzend streckte Lea ihre Hand aus und rüttelte Kian leicht unsanft wach.
"Grrr", grummelnd erwachte dieser und schlug diese wunderbaren schokoladenbraunen Augen auf. Lächelnd sah er Lea an, bevor sich die Ereignisse des letzten Tages in seinen Gedanken Bann brachen, er in einer einzigen Bewegung den Kopf herum riss, aufsprang und sich knurrend zwischen Lean und dem Fremden aufbaute.
"Sachte, sachte, Junge. Ich bin nicht dein Feind", abwehrend hob er seine Hände. Kian knurre, doch dann hielt er plötzlich inne.
"Du hast uns gestern geholfen, warum?" "Hm", murmelte er. "Das sollten wir vielleicht beim Essen klären." Kian blieb misstrauisch, ließ sich aber schließlich auf eine Seite des knisternden Feuers nieder, als der Hunger die Oberhand gewann und nahm eine der dampfenden Schüsseln entgegen und roch prüfend daran.
"Keine Sorge, ich habe es nicht vergiftet", lachte der Wanderer und nahm zur Bekräftigung selbst einen großen Schluck aus seiner Schale und schmatzte genüsslich. Trotz Kians Misstrauen siegte schließlich der Hunger und er und Lea verschlangen ihre Portionen mit solcher Gier, dass ihnen sofort nachgeschenkt wurde. Diesmal aßen die beiden bewusster und dann begann der Fremde plötzlich an zu reden.
"Warum ich euch geholfen habe?" Nun ... ich war einmal in solch einer Situation, in der ich mir gewünscht habe, dass auch mir jemand geholfen hätte. Ich war jung", seufzte er. "Vielleicht in etwa so jung wie ihr, vielleicht auch etwas älter, aber das spielt keine Rolle. Nicht für meine Geschichte." Gedankenverloren hielt er inne und starrte in die erlischenden Flammen. Holz knackte, irgendjemand in der Ferne rief ein Käuzchen, ansonsten war alles still.
Mit einem Ruck stand der Mann plötzlich auf, schüttelte den Kopf, packte seine Sachen zusammen und wollte die Lichtung fluchtartig verlassen.
"Hey warte, wo willst du hin?", Leas fragende Stimme durchbrach die unheimliche Stille.
"Niemand interessiert meine Geschichte, auch euch wird sie nicht interessieren." Der Wanderer seufzte. "Ich bin nur ein dummer alter Mann, der euch zufällig helfen konnte. Passt auf euch auf!" Damit drehte er sich um und verschwand im Dickicht der Bäume.

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