[Leandriis, die Wölfin] Kapitel 10 - Ein dunkles Geheimnis

Sonntag, 15. Februar 2015

"Nein", Claire trat fauchend vor und stellte sich zwischen ihrm Mann und den zwei Feach. "Du wirst ihnen nichts antun." "Ach und warum sollte ich nicht? Claire! Sie sind böse Wesen, sie haben uns die Kinder geraubt, Angst und Schrecken verbreitet! Damals, in den dunklen Zeiten. Ich werde es nie vergessen und niemals darf auch nur einen von ihnen überleben! Ich habe dich verschont, weil du zur Hälfte ein Mensch bist und keine Zeichen der Seuche an dir hast. Aber diese beiden sind vollblütige Wölfe und damit ist ihr Todesurteil unterschrieben!“ „Aber Pertiz, sie sind doch nur Kinder.“ „Kinder, die irgendwann auch einmal erwachsen werden und sich paaren und kaum sind wir bevölkert von räudigen Wölfen und stecken wieder mittendrin im dunklen Zeitalter, welches wir mit der Ausrottung der Seuche hinter uns gelassen gedachten haben.“ Pertiz Worte troffen nur so vor Hass und Abscheu, dass es Lea eiskalt den Rücken herunter lief. Das dunkle Zeitalter … sie wusste nicht wovon er sprach. Claire dagegen erinnerte sich …

Das dunkle Zeitalter. Solange war es bereits her und doch wieder nicht. Sie war damals ein kleines Mädchen gewesen. Die Welt war von Wölfen bevölkert gewesen und anderen, ungleich schlimmeren Wesen. Doch was einige wenige getan hatten, hatte das gesamte Volk der Feach in Verruf gebracht. Überall wurden sie gejagt und getötet, egal ob Mann, Frau oder Kind. Und sie, sie war mittendrin gewesen. Denn ihre eigene Schwester war eine dieser wenigen. Sie war mit daran Schuld, dass die Feach nicht mehr in Frieden mit den Menschen leben konnten, sondern auf der Abschussliste standen. Ihre Schwester, Hallvor, und einige andere Feach hatten sich Mischa angeschlossen, einem jungen Wolf, der mehr wollte. Der für die Macht lebte und die Macht über die schwachen Menschen gewinnen wollte. Für ihn waren die Menschen niedere Wesen, die nicht die Fähigkeiten besaßen wie die Feach und so scharrte er seine Anhänger um sich und brachte Schrecken und Grauen auf die Welt. Es war eine grausame Zeit. Mischa war blind für alles, außer für die Macht und für Hallvor. Er begehrte sie und sie sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit. Ließ sich mit in die Abgründe der Macht reißen. Die beiden herrschten über die Welt, brachten die Feach in Verruf und ließen das dunkle Zeitalter drei lange Jahre lang bestehen. Dann … dann erwachte Hallvor aus ihrer Trance. Es war der Tag, an dem Mischa ihre geliebte kleine Schwester umbringen wollte. Claire. Hallvor erstarrte. Sie war so wunderhübsch. Das kleine zierliche Mädchen, nur zur Hälfte eine Feach, aber Hallvor hatte sie schon immer abgöttig verehrt und ihr war es egal gewesen. Dabei hatte sie an der Seite des dunklen Feach-Herrschers genau solche Menschen, Wesen, verurteilt, gejagt, getötet. Und nun stand sie da auf dem von Fackellicht erhellten Opferplatz und sah ihre eigene Schwester an, ihr Fleisch und Blut. Ohne es zu wollen zerbrach etwas in ihr. Ihre Liebe zu Mischa erfror zu blinden Hass. Tief grub sich das Gefühl in ihre Seele, in ihr Herz. Hoch erhobenen Hauptes schritt sie über den glatten Kieselstein weg und stellte sich vor ihre Schwester. Sah ihr in die Augen. Bat stumm um Entschuldigung. Ließ ein Lächeln auf ihre Lippen gleiten, dreht sich um und stach in der gleichen Bewegung den Dolch statt ins Herz ihrer Schwester in das pulsierende Dunkel in der Brust von Mischa. Stumm weiteten sich seine Augen und der Schmerz und der Verrat in ihm schrien laut und auch aus seinem Mund kamen lautlose Schreie. Schwarze Fäden voller Dunkelheit fraßen sich an der kalten Schneide des Dolches herab und troffen aus Hallvors Hand. Entsetzt musste sie mitansehen wie erst ihre Finger, dann ihre Hand und immer weiter ihr Körper von den Dunkelfäden eingehüllt und verätzt wurde, bis nichts mehr von ihr übrig war. Doch das letzte was sie sah waren Claires wunderschöne blauen Augen. Das Entsetzen in ihnen nahm sie schon gar nicht mehr war. Ihre Gedanken war nicht hier und jetzt. Sie waren woanders, in einem früheren Leben. Die beiden Schwestern saßen in ihrem Bett, welches sie sich lange Zeit teilen mussten, dick eingehüllt in ihre Decken und weiße Dampfwölkchen bildet sich vor ihren Mündern. Voller Verzückung trieben die beiden Mädchen mit ihren Fingern die Wölkchen auseinander und atmeten neue aus. Ihre Mutter kam nach oben und hielt zwei dampfende blaue Becher in der Hand, einer von ihnen hatte einen leicht abgesplitterten Rand, Hallvors Tasse. Beide jauchzten vor Freude und nahmen die heiße Schokolade ihrer Mutter mit Freude in die Hände und strahlten. Es war ein Moment, so einfach, aber voller Magie. Ein Moment, den sich Hallvor bewahrt hatte, all die Jahre. Ihr Grund zu leben und mit genau diesem Moment starb sie. Voller Freude, voller Magie, voller Liebe.
Doch Hallvor sollte nicht in Frieden sterben. Für all ihre Taten sollte sie büßen und das tat sie nun, bis die Feach endlich erlöst werden sollten. Bis diejenige kam die den Schlüssen zum Tal der Wölfe, dem Paradies, in sich trug.
Doch nach Mischas Tod wurde es nicht besser, das Zeitalter der Dunkelheit verging mit der Zeit, doch die Menschen lebten in Angst. Veranstalteten Jagden, hetzten und töteten jeden Feach, dem sie habhaft werden konnten sowie jeden Menschen, der sich in irgendeiner Weise als Wolfsfreund zu erkennen gab. Nichts wurde wieder normal. Selbst als die Wölfe als ausgerottet galten, kehrte kein Frieden ein, so tief saß die Angst. Märchen, Legenden, Mythen wurden geschaffen und in einer jeden galt der Wolf als böse, gefährlich, tödlich. Die wenigen Feach die doch noch lebten, verkrochen sich und lebten einsam und abgeschieden. Es war kein erfülltes Leben mehr, nur noch von Angst und Furcht beherrscht, jemand könnte herausfinden, welches Blut in ihm floss.
Claire konnte den Tod Hallvors kaum verarbeiten und für sie trugen ebenfalls die Feach die Schuld daran. Sie fing an sie zu hassen, mehr als das, mit Freude beteiligte sie sich an den Wolfsjagden, verurteilte das Blut in sich, welches sie zur Hälfte selbst zur Feach machte, und wusste bald schon nicht mehr, das es andere Gefühle als den schwelenden Hass in sich gab. Doch dann gab es immer weniger von ihnen auf der Welt, nur noch streunende Hunde fanden sie, und in Claire wuchs langsam und stumpf eine Leere heran, die den Hass vertrieb und bald nur noch Verzweiflung zurück ließ. Sie hatte ihren Lebensinhalt verloren und konnte damit nicht umgehen. Wer war sie denn jetzt noch? Die Vergangenheit klebte an ihr wie Harz und überall erkannte man sie. Claire, die unglaubliche Wolfsjägerin. Doch davon war bald nichts mehr übrig. Sie wurde ein Nichts und sie fühlte sich wie ein Nichts. Der Hass in ihr war verstummt und zum ersten Mal seit Jahren, eigentlich sogar zum allerersten Mal, begann sie um ihre Schwester zu trauern. Und dann wurde ihr bewusst was sie eigentlich getan hatte. Und gleichzeitig verdrängte sie es. Sie, die Wolfsjägerin ließ sich bei einer kleinen Familie nieder, lernte Pertiz kennen und begann ein neues Leben. Vergaß einige Zeit was der dunkelste Fleck in ihrem Leben war und dann, dann war erst Kian und kurz darauf Lea in ihr Leben getreten. Wie Säure hatte sich ihre Vergangenheit durch das kleine enge Gefängnis in ihrem Herzen gebrannt und alles taufrisch in ihr zum klingen gebracht. Doch der Hass war verschwunden, genauso wie die Verzweiflung. Sie lebte ihr Leben und sie wollte es nicht mehr anders und sie beschützte Kian genauso wie Leandriis, auch wenn ihr Instinkt dagegen war und nun fand sie sich im Wald wieder. So wie unzählige Mal zuvor, doch nun lag das Schicksal in ihrer Hand. Sie konnte entscheiden, wer heute starb, ob die Feach eine Chance verlieren sollten ins Paradies zu kommen und sie musste darüber nicht lange nachdenken, ihre Entscheidung war bereits damals gefallen, als sie in Hallvors todgeweihten Augen geblickt hatte.

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