[Tränen des Mondes] Kapitel 1

Dienstag, 23. Februar 2016


Es regnete. Grelle Blitze erhellten im Sekundentakt die tiefschwarze Nacht. Donner krachte unablässig. Die Erde war matschig und alles glänzte vor Feuchtigkeit.
Und mittendrinn stand Leandriis, Lea genannt. Das kalte Wasser rann ihr den Nacken entlang und feuchte Haarsträhnen klebten ihr an der Stirn. Doch das störte sie nicht. Hier fühlte sie sich frei. Hier fühlte sie sich gut. Ein kleines Lächeln erhellte ihr Gesicht, bevor es wieder zu der alt bekannten Ernsthaftigkeit zurückkehrte.
"Lea", der panische Schrei ihrer Pflegemutter peitschte durch die Nacht. Ergeben seufzte das junge Mädchen und öffnete die Augen. Ihr Blick streifte durch die Gegend und blieb auf dem nicht weiter entferneten Herrenhaus haften, welches sich dunkel und majestätisch in den Himmel reckte. In der Tür stand Martha, ihre Pflegemutter, und hatte ihre Augen furchtsam aufgerissen. Noch einmal seufzte Lea laut und trabte schließlich langsam dem warmen trockenen Hausflur entgegen.
"Na endlich", schnaubte Martha und konnte ihre Besorgnis nicht ganz aus ihrem Blick verdrängen. Sie liebte das kleine eigensinnige Mädchen, auch wenn das nicht immer ganz einfach war. Vor fünfzehn Jahren hatte ihr Mann Jonathon, Gott habe ihn selig, ein kleines wimmerndes Bündel im Wald gefunden. Nur in eine zerschlissene Decke war ein kleines Baby darin eingewickelt gewesen und hatte sofort ihrer beider Herzen erobert. Ein dreckiger vergilbter Fetzen Papier hatte dem Knäul dabei gelegen, auf dem mit einigen wenigen Worten in krakeliger Schrift nur eine kurze Botschaft stand: "Habt Acht auf meine Tochter Leandriis. Sie ist der Schlüssel des Waldes. Habt Acht auf meine Prinzessin!"

So wurde das kleine Mädchen Lea zu Marthas und Jons Pflegetochter, doch manchmal zweifelte Martha an der Richtigkeit ihres Tuns, besonders nachdem Jon an einer rätselhaften Krankheit nicht lange danach dahinsiechte und beide alleine zurück ließ. Lea war anders. Keine Frage. Sie war auch wunderschön. Schlank, mit heller Haut und dunkelbraunen Haaren, die wie dunkle Schokolade sanft über ihren Rücken fiel. Doch am auffälligsten waren ihre Augen. Diese tiefgrünen Augen voller Wildheit und gleichzeitiger Intelligenz. Und genau dies machte den Menschen in ihrer Umgebung Angst. Nun, vielleicht nicht direkt Angst, aber sie fühlten sich unwohl in ihrer Nähe. Vor allem die Ältesten im Dorf munkelten, dass Lea etwas uraltes und dunkles anhaftete, sie vergiftete und eine Aura etwas längst Vergangenem um sich herum erschuf. Lea hatte es schwer, niemand wollte etwas mit ihr zu tun haben, doch Martha hatte sie seit jeher verteidigt und sich damit selbst zum Außenseiter gemacht. Die Dorfbewohner akzeptierten sie, natürlich, dafür lebte sie schon zu lange unter ihnen, aber unbewusst machten sie es ihr zum Vorwurf, dass sie das Kind aufgenommen und vor allem behalten hatte. Martha biss die Zähne zusammen, kapselte sich vom Dorf ab und lebte fortan ihr eigenes Leben mit Lea in einer selbst gewählten Einsamkeit.
Lea schüttelte sich das Wasser aus den Haaren wie ein Hund und unterbrach damit die Gedankengänge ihrer Pflegemutter. "Lea", barsch herrschte sie ihre Tochter an. "Zieh deine nassen Sachen aus und komm in die Küche, wir wollen essen." Damit zog sie Lea endgültig in den warmen Hausflur. Knurrend riss sie sich los und Martha seufzte. Lea hasste es angefasst zu werden und daran hatte sich nie etwas geändert. Trippelnd bewegte das Mädchen sich durch den langen Hausflur und entschwand schließlich Marthas Blicken, als sie sich die enge hölzerne Wendeltreppe hinauf schob. Der harzige Geruch des Holzes und die allgegenwärtigen Gerüche aus der Küche gruben sich tief in Leas Nase und hielt sich eisern dort fest. Erst als sie die Tür ihres Zimmers erreichte, ließ der Duft nach Essen nach und ließ nur eine vage Erinnerung zurück, dass sie zum Abendbrot herunterkommen sollte. Schnell durchmaß sie den Raum direkt im Dachgiebel und riss das Fenster weit auf. Kühle feuchte Nachtluft umwehte ihre Nase und ließ einige Strähnen ihrer dunkelbraunen Haare im Wind flattern. Lea entschlüpfte ein seltenes Lächeln. In der Böe schwang der Geruch von Regen und frischem Leben mit. Sie liebte den Regen und seine Gerüche, die alles wie ein Neubeginn des Lebens erschienen ließen. Die Natur begann sich neu zu entfalten, die Tiere erlangten neuen Lebensmut und auch ihr gaben diese Schauer neue Kraft und Entschlossenheit.
Ein leises Jaulen heulte ihr aus weiter Ferne entgegen und unterbrach ihre Gedanken. Aufmerksam lauschte sie, als weitere Stimmen in den Gesang einstimmten. Wie immer berührte der Gesang ihr Herz. Ihr Wolfsherz. Lächelnd betrachtete sie den dunklen Wald, der nur in den Gipfeln jahrhundertalter Bäume vom hellen Schein des zunehmenden Mondes erhellt wurde. Irgendwo kreischte eine Eule und mischte sich in den Wolfsgesang. Das war Leas Welt. Ihr Herz schlug schneller, immer im Rhythmus der Wölfe. Fast musste sie selbst das Gefühl niederkämpfen, ausgelassen in das Geheul mit einzustimmen. Sich selbst tadelnd schüttelte sie den Kopf und wandte sich ab. 

Sie hatte sich verlaufen. Sie hatte Angst. Entsetzliche Angst. Und ihr war kalt. So unendlich kalt. Zitternd und bebend rieben ihre Zähne aufeinander. Die Dunkelheit um sie herum war undurchdringlich. Nicht ein Licht fand sich. Nicht ein einzelner Stern prangte am Horizont. Und dann diese Stille. Nichts war zu hören. Unendlich schmerzhaft legte sich diese absolute Geräuschlosigkeit auf ihre Ohren. Das einzige was sie hörte war ihr keuchender Atem. Die knisternden Schritte unter ihren nackten Füßen. Schritte, die unglaublich laut durch den Wald hallten. Fast wie Kanonenschüsse.
Dann brandete der Wind auf. Spielte mit den trockenen Blättern. Knackende Äste jagten ihr eisige Schauer über den Rücken. Bedrohliche Schatten kreisten sie ein. Nebel waberte wie eine undurchdringliche Masse über den Boden. Als wolle er etwas verdecken. Doch ein inneres Gefühl leitete sie durch den dichten, düsteren Wald. Langsam schwand die Angst. Auch als sie die ersten Wölfe bemerkte, blieb sie vollkommen ruhig. Im Gegenteil, sie fühlte sich eher geborgen in der Nähe der riesigen Tiere. Und es wurden immer mehr. Ein ganzes Rudel fand sich ein und nahm sie in ihre Mitte. Sie hatte keine Angst mehr. Dann endlich verharrten sie. Drängten sich dich an ihre Gestalt. Streiften sie mit ihrem warmen, weichen Fell. Und da war er. Plötzlich stand er vor ihr und sah sie an. Ein lange wulstige Narbe zog sich quer über seine Schnauze. Die grauen Augen blickten sie voller Wärme und Erkennen an. Vorsichtig stupste er sie mit seiner kalten feuchten Nase an. Sie hob die Hand ohne Zögern und berührte sein drahtiges graues Fell. Dann fanden ihre liebkosenden Finger seine Ohren und kraulten  ihn liebevoll.  
"Leandriis, mein Mädchen." Die Worte bildeten sich in ihrem Kopf, kein Wort kaum aus seinem Maul und Lea nahm dies als selbstverständich hin. Es war schließlich ein Traum."Wer seid ihr?", wachsam waren ihre Augen auf den grauen Wolf gerichtet, als sie ihre Frage stellte. "Wir sind das, was man Feach nennt!" "Feach?", Lea ließ das ungewöhnliche Wort auf der Zunge zergehen. Der geheimnisvolle Klang gefiel ihr und wärmte in einer nie gekannten Weise ihr Herz. "Ja, Feach! Wir sind Wesen, die sich in der Gestalt eines Tieres oder der eines Menschen bewegen können." "Wie Werwölfe?" Der Wolf verzog seine hässliche Schnauze, als würde er plötzlich Schmerzen leiden. "Werwölfe", er spie das Wort aus als wäre es pures Gift. "Werwölfe sind Märchen, aber vielleicht kannst du dir das so besser vorstellen. Werwölfe sind an bestimmte Gegebenheiten gebunden. Sie können nur in bestimmten Situationen die Gestalt eines Wolfes annehmen, wenn zum Beispiel ein Vollmond am Himmel steht, aber auch dann nur unter Schmerzen und Zwang. Wir jedoch", und seine Stimme gewann Stolz und Erhabenheit: "Wir können uns aussuchen was wir sein wollen, ohne Schmerzen, ohne Zwang, einfach wann wir wollen!
"Lea schwieg. Unablässig strichen ihre Hände durch das Fell des Wolfes. "Kann ich das auch", war schließlich die Frage, die ihren Mund verließ. "Ja Leandriis, auch du kannst das, aber vorher hast du noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Unsere Hoffnungen ruhen in dir, mein Kind. Nur in dir." Lea sah ihn nachdenklich an, in ihren Augen tausend unausgesprochener Fragen, doch der Wolf schüttelte nur den Kopf. "Es kommt deine Zeit, kleine Prinzessin. Dann wird der Wolf in dir erwachen. Er wird dich noch schöner machen. Und vielleicht ist dann noch nicht alles zu spät..."
Für einen Moment schloss Lea ihre Augen, diese wunderschönen grünen Augen ...

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