Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte / Jeremy Dronfield

Mittwoch, 19. Februar 2020

#rezensionsexemplar
Inhalt
1939 werden Gustav Kleinmann, ein jüdischer Polsterer aus Wien, und sein sechzehnjähriger Sohn Fritz mit hunderten anderen jüdischen Männern von der SS festgenommen. Aus dem Kreis ihrer Familie gerissen, werden die beiden zunächst nach Deutschland deportiert. Im KZ Buchenwald zur Zwangsarbeit im Steinbruch eingeteilt, gehören sie zu den Häftlingen, die das Lager überhaupt erst mitaufbauen. Nach einiger Zeit wird Gustav – schwer gezeichnet von den unmenschlichen Zuständen – für die Deportation nach Auschwitz selektiert. Doch für Sohn Fritz ist der Gedanke von seinem Vater getrennt zu werden unerträglich. Trotz seines Wissens darum, dass niemand aus Auschwitz zurückkehrt, erklärt sich Fritz freiwillig bereit, seinen Vater zu begleiten. So beginnt für die beiden ein Leidensweg, der noch brutaler, noch hoffnungsloser ist, als alles, was sie bis dahin erlebt haben – und den Vater und Sohn doch gemeinsam überstehen.

Meine Meinung
Wow, ich bin innerlich zerbrochen nach diesem Buch. Es war zwar nicht das erste dieser Art, welches ich gelesen habe und die anderen waren mit Sicherheit nicht weniger erschütternd als dieses, aber es hat so viel in mir angesprochen, mich fassungslos und unfassbar traurig gemacht. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen so handeln konnten und können wie wenig ein Menschleben zählt. Vor allem aufgrund völliger wirrkürlicher und nicht selbst beeinflussbarer Merkmale.

Gustav lebt mit seiner Frau Tini und den Kindern Edith, Herta, Fritz und Kurt in Wien als die Nazis immer näher kommen und Österreich letztendlich zum Anschluss zwingen. Gustav und Fritz werden zusammen deportiert und klammern sich in ihrem schrecklichen Schicksal aneinander, nicht ahnend, was die nächsten Jahre auf sie zukommen wird. 

Und was auf die beiden (und so viele anderen Menschen) zukommt, ist unvorstellbar. Ich habe bereits viele Bücher über diese Zeit gelesen, viele Schicksale kennen gelernt, aber dieses Buch hat mich innerlich zerstört. Nicht, weil es schlimmer ist, als die anderen, jedes Schicksal ist auf seine Weise schlimm und schlimmer, was jeder Mensch erfahren sollte, aber die Darstellung, die Informationen, die Hintergründe, die Geschehnisse gehen wirklich wirklich hart an die Substanz.

Gustav schaffe es die ganze Zeit über heimlich ein Tagebuch zu führen und mitzuschmuggeln, was als Grundlage für dieses Buch dient und ernsthaft, wie oft musste ich fassungslos das Buch kurz zur Seite legen, bevor ich weiterlesen konnte. Für mich ist es unvorstellbar, welche Verbrechen damals an Juden und auch Roma und anderen Gefangenen begangen wurden. Wie viele Menschen starben. Aus Grausamkeit, Hunger, Depressionen und mehr. Zu welchen Verbrechen Menschen fähig waren, weil sie sich an der oberen Häfte der Nahrungskette befanden. Wie manche Menschen darin Freude und Erfüllung finden konnten. Wie ein einziges Attribut, jüdisch zu sein, wofür per se niemand etwas kann, einen Menschen degradierte und zu einem Aussätzigen machte.

Aber das Buch erzählt auch von Freundschaft, Kameradschaft und Vertrauen in den dunkelsten Stunden, die die Gefangen hatten. Vom Teilen und Nächstenliebe in einer Welt, die kalt und grau und grausam war. Wie man sich gegenseitig half, wie man gegenseitig kämpfte, wie man gegenseitig überlebte. Für mich ist es unvorstellbar, was diese Menschen all die Jahre ertragen mussten. Was sich Menschen einfallen lassen konnte, um andere zu quälen und zu töten. Wie dumm und naiv und idiologisch Menschen inhaltslosen und hassenden Parolen folgen konnte, ohne nachzudenken, ohne einmal zu zucken. 

Unvorstellbar, wie nah wir diesen Zeiten heutzutage wieder sind, dass einzelne Attribute eines Menschen, zum Beispiel, wenn sie aus einem bestimmten Land kommen, schlechter machen als andere. Kein Mensch ist von Natur aus schlechter als ein anderer, niemand! Durch sein Handeln vielleicht, aber niemals durch seine naturgegebenen Voraussetzungen. Und ich hoffe sehr, dass wir die Kurve bekommen und nie wieder in die Zeiten des Holocausts zurückverfallen, denn alleine das Lesen tat im Herzen weh, ich möchte nie erleben, wie Menschen dies wieder erleiden müssen!

Ein Buch gegen das Vergessen. Ein Buch, welches wehtut und an die Substanz geht. Was unvorstellbares an die Oberfläche zieht und die grausamen Verbrechen der Nazis sichtbar macht. Welches aber auch den unerschütterlichen Optimismus eines Mannes zeigt, der durch die Hölle gegangen ist. Ein Buch, welches das Schicksal der Familie Kleinmann stellvertretend für hunderte, tausende von Familien erzählt.

Ein Buch, welches gelesen werden sollte, gelesen werden muss!

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Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte / Jeremy Dronfield / Droemer Knaur
Jeremy Dronfield
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Dieses Buch wurde mir freundlicherweise kostenfrei von Droemer Knaur zur Verfügung gestellt, dies beeinflusst in keinster Weise meine Meinung und Bewertung!

Kommentare:

  1. Hallo liebe Vivka,

    ich muss sagen, dass ich schon beim Lesen deiner Rezension gelitten habe. Solche Bücher sind wirklich nichts für mich.

    Ich finde es auch einfach nur grausam und absolut schrecklich, was damals passiert ist. Und ich bin ganz bei dir: Ich hoffe auch, dass sich sowas nienie wieder in dieser oder auch ähnlicher Art wiederholen wird.

    Ganz liebe Grüße
    Tanja

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    Antworten
    1. Das ist ok, manche Bücher sind einfach nicht für jeden, aber dennoch ist es umso wichtiger, dass die Geschichte durch solche Bücher nicht in Vergessenheit gerät! Gerade wenn man wiedcer sieht, was aktuell so passiert =(

      Winterliche Grüße,
      Vivka

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  2. Liebe Vivka,

    vielen Dank für diese emotionale Rezension. Ich finde es zwar schrecklich, beim Lesen von Büchern zu wissen, dass das alles wirklich passiert ist, aber andererseits ist es eben auch wichtig, sich mit diesen Zeiten auseinanderzusetzen, so unangenehm es manchmal sein kann. Und genauso wichtig ist es, die Erfahrung weiterzugeben, was mit solchen Büchern (und Zeitzeugengesprächen) zum Glück möglich ist.
    Ich werde dieses Buch bestimmt in diesem Jahr noch lesen, es wandert auf jeden Fall auf meine Wunschliste. :-)

    Viele liebe Grüße,
    Isa

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    1. Sehr gerne und ich kann es sehr gut verstehen, und wie du schon sagst, die Zeiten dürfen nicht vergessen werden, vor allem bei allem, was derzeit wieder bei uns und in der Welt passiert!

      Ich bín gesoannt, wie du es dann finden wirst =)

      Winterliche Grüße
      Vivka

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